Jugendliche trinken langfristig weniger Alkohol. Gleichzeitig verändern sich Psychopharmaka-Verordnungen, Medikamentenkonsum, Cannabis, Kokain und Selbstmedikation – eine Gesamtperspektive ist deshalb wichtiger als einzelne Substanztrends.
Generation nüchtern? Warum „Junge Menschen trinken weniger Alkohol“ nur die halbe Geschichte erzählt
Jugendliche trinken heute deutlich weniger Alkohol als frühere Generationen. Das ist eine gute Nachricht. Aber sind sie deshalb wirklich „nüchterner“? Ein Blick auf Cannabis, Kokain, Medikamente, Psychopharmaka, psychische Belastungen und Selbstmedikation zeigt ein wesentlich komplexeres Bild.
Recherche-Stand: 29. September 2026
Podcast 🎙️
Den Artikel gibt es auch als Podcast-Folge. Darin geht es nicht darum, sinkenden Alkoholkonsum schlechtzureden, sondern die größere Frage zu stellen: Womit und warum verändern junge Menschen heute ihren psychischen Zustand – und welche Rolle spielen psychische Belastungen, Medikamente und Selbstmedikation?
Video 🎬
Zum Thema gibt es auch ein YouTube-Video. Dort ordnen wir die aktuellen Alkoholzahlen ein und schauen darauf, was Statistiken über einzelne Substanzen möglicherweise nicht zeigen.
„Junge Menschen trinken weniger Alkohol.“
So lautet die erfreuliche Botschaft einer aktuellen Meldung von drugcom.de. Und zunächst einmal stimmt sie: Der Alkoholkonsum junger Menschen in Deutschland ist langfristig deutlich zurückgegangen.
Doch daraus entsteht schnell ein größeres Narrativ: Die junge Generation wird immer nüchterner.
Genau dieses Bild verdient einen zweiten Blick. Denn die eigentlich interessante Frage lautet nicht nur: Wie viel Alkohol trinken junge Menschen heute?
Sondern auch: Was konsumieren sie insgesamt – und wie haben sich Rausch, psychische Regulation, Selbstmedikation und der Gebrauch psychoaktiver Substanzen verändert?
Wer nur Alkohol betrachtet, sieht möglicherweise nur einen Teil einer wesentlich größeren Entwicklung.
✨ Kurz zusammengefasst
- Der Alkoholkonsum Jugendlicher ist langfristig deutlich zurückgegangen.
- Ein massenhafter Ersatz durch „harte Drogen“ bei Minderjährigen ist nicht belegt.
- Bei jungen Erwachsenen steigen jedoch einzelne illegale Substanzen deutlich, darunter Kokain.
- Psychopharmaka-Verordnungen haben sich bei Jugendlichen teilweise stark verändert.
- Nichtmedizinischer Medikamentenkonsum existiert, wird bundesweit bei Minderjährigen aber erstaunlich schlecht erfasst.
- Psychische Belastungen können Selbstmedikation und problematischen Substanzkonsum begünstigen.
- Eine medizinisch notwendige Psychopharmakatherapie darf nicht mit Drogenmissbrauch gleichgesetzt werden.
- Familien und Angehörige tragen einen erheblichen Teil der Belastung – und brauchen selbst Unterstützung.
Alkohol: Der Rückgang ist real
Nach der Drogenaffinitätsstudie 2025 des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit hatten 2001 noch rund 87 Prozent der 12- bis 17-Jährigen mindestens einmal Alkohol getrunken. 2025 waren es 58,9 Prozent.
Auch beim Konsum innerhalb der vergangenen 30 Tage zeigt sich langfristig ein deutlicher Rückgang:
- 2004: 58,4 Prozent
- 2025: 32,9 Prozent
Das ist eine Entwicklung, die man nicht kleinreden sollte. Prävention, gesellschaftliche Veränderungen und ein verändertes Verhältnis junger Menschen zu Alkohol haben offenbar etwas verändert.
Aber der Rückgang läuft nicht einfach immer weiter
Die langfristige Kurve zeigt deutlich nach unten. Betrachtet man die jüngere Entwicklung, wird das Bild differenzierter.
Das BIÖG weist darauf hin, dass der Rückgang des 30-Tage-Alkoholkonsums bei 12- bis 17-Jährigen seit 2016 stagniert. Auch beim Rauschtrinken war in den vergangenen zehn Jahren kein weiterer klarer Rückgang festzustellen.
2025 berichteten weiterhin 14,7 Prozent der 12- bis 17-Jährigen von Rauschtrinken. Bei den 16- bis 17-Jährigen lag der Wert bei 32,5 Prozent.
„Jugendliche trinken weniger“ ist also langfristig richtig. Es bedeutet aber nicht, dass problematischer Alkoholkonsum verschwunden wäre.
Die Entwicklung auf einen Blick
Die folgende Grafik zeigt sehr gut, warum beide Aussagen gleichzeitig stimmen können: Der langfristige Rückgang ist erheblich – gleichzeitig stagnieren einzelne Kennzahlen inzwischen und Rauschtrinken bleibt gerade bei älteren Jugendlichen relevant.

Langfristiger Erfolg, aber keine Entwarnung: Der Alkoholkonsum Minderjähriger ist deutlich gesunken, während sich der Rückgang beim 30-Tage-Konsum seit 2016 nicht weiter fortsetzt und Rauschtrinken relevant bleibt.
Werden Alkohol und Rausch einfach durch andere Drogen ersetzt?
Hier müssen wir sehr genau sein. Eine Aussage wie „Jugendliche trinken weniger, weil sie jetzt stattdessen harte Drogen nehmen“ lässt sich mit den verfügbaren Daten nicht belegen.
Bei den 12- bis 17-Jährigen hatten 2025 nur wenige Prozent Erfahrungen mit den erfassten illegalen Drogen. Auch Kokain, Amphetamin, MDMA oder LSD zeigen bei Minderjährigen bislang keinen Anstieg, der den massiven langfristigen Alkoholrückgang auch nur annähernd erklären könnte.
Das muss gesagt werden. Denn Kritik an einer verkürzten Statistik darf nicht selbst mit einer verkürzten Statistik arbeiten.
Ab 18 verändert sich das Bild
Bei den 18- bis 25-Jährigen wird die Entwicklung interessanter. 2025 hatten 18,7 Prozent Erfahrungen mit illegalen Drogen. Bei jungen Männern waren es 23,8 Prozent.
Besonders auffällig ist Kokain:
1,2 Prozent → 4,1 Prozent innerhalb von zehn Jahren.
Auch Cannabis spielt eine große Rolle. 2025 hatten innerhalb eines Jahres 31,6 Prozent der 18- bis 25-jährigen Männer Cannabis konsumiert, bei jungen Frauen waren es 18,8 Prozent.
Das beweist nicht, dass Menschen Alkohol gezielt durch Cannabis oder Kokain ersetzen.
Aber es zeigt: Weniger Alkohol bedeutet zumindest bei jungen Erwachsenen nicht automatisch weniger psychoaktiven Substanzkonsum.
Und dann gibt es eine Substanzgruppe, die erstaunlich selten mitgedacht wird: Medikamente
Wenn wir darüber sprechen, womit junge Menschen ihren Zustand verändern, dürfen wir Medikamente nicht ignorieren.
Dabei müssen zwei Dinge strikt getrennt werden:
- medizinisch notwendige Behandlung mit Psychopharmaka
- nichtmedizinischer Konsum für Rausch, Leistungssteigerung, Schlaf oder Selbstmedikation
Eine ärztlich indizierte Behandlung mit einem Antidepressivum, ADHS-Medikament oder Antipsychotikum ist kein Drogenkonsum.
Aber die Entwicklung der Verordnungen gehört trotzdem zur Gesamtfrage, wie unsere Gesellschaft mit psychischer Belastung junger Menschen umgeht.
Psychopharmaka bei Jugendlichen: teilweise enorme Veränderungen
Eine deutsche Untersuchung analysierte AOK-Daten von 12- bis 17-Jährigen zwischen 2015 und 2023.
Bei Mädchen stieg die Verordnungsprävalenz der untersuchten Psychopharmaka insgesamt um rund 62 Prozent.
Die Verordnungsmenge stieg sogar um:
- Mädchen: +152 Prozent
- Jungen: +41 Prozent
Bei Antidepressiva lag die Veränderung der Verordnungsmenge bei:
- Mädchen: +184 Prozent
- Jungen: +95 Prozent
Einzelne Wirkstoffe zeigen besonders auffällige Veränderungen.
- Sertralin: +482 Prozent bei Mädchen und +344 Prozent bei Jungen.
- Escitalopram: +194 Prozent bei Mädchen und +103 Prozent bei Jungen.
- Aripiprazol: +110 Prozent bei Mädchen.
- Quetiapin: +59 Prozent bei Mädchen.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass fünfmal so viele Jugendliche insgesamt Psychopharmaka bekommen. Sie beschreiben Veränderungen einzelner Wirkstoffe gegenüber ihrem jeweiligen Ausgangsniveau.
Bemerkenswert ist aber die Einschätzung der Forschenden selbst: Die Veränderung der medikamentösen Behandlung war größer, als allein aufgrund des Anstiegs psychiatrischer Diagnosen zu erwarten gewesen wäre.
Als mögliche Erklärungen diskutieren sie unter anderem frühere medikamentöse Interventionen und mehr Off-Label-Verordnungen.
⚠️ Das bedeutet ausdrücklich nicht: „Psychopharmaka sind schlecht“
Antidepressiva, Antipsychotika und ADHS-Medikamente können bei einer klaren Indikation wirksame und teilweise lebensrettende Behandlungen sein.
Die entscheidende Frage ist nicht: „Warum bekommen Kinder Medikamente?“
Sondern: Warum brauchen offenbar so viele junge Menschen Hilfe – und bekommen sie neben einem Rezept auch ausreichend Psychotherapie, Zeit, Familienhilfe, soziale Unterstützung und langfristige Begleitung?
ADHS zeigt besonders gut, warum einfache Schuldzuweisungen nicht funktionieren
Nach Daten des DAK-Kinder- und Jugendreports wurden 2024 hochgerechnet rund 617.000 Kinder und Jugendliche wegen ADHS behandelt. Rund die Hälfte der diagnostizierten 6- bis 17-Jährigen erhielt ein ADHS-spezifisches Medikament.
Daraus darf aber nicht die Behauptung entstehen: „Ritalin oder Elvanse führen später zu Drogen.“
Dafür gibt es keinen überzeugenden Beleg.
ADHS selbst ist dagegen mit einem erhöhten Risiko für frühen Substanzkonsum und spätere Substanzkonsumstörungen verbunden. Studien zur medikamentösen Behandlung zeigen nicht, dass korrekt eingesetzte Stimulanzien dieses Suchtrisiko erhöhen.
Genau deshalb ist die entscheidende Trennung: Behandlung ist nicht Selbstmedikation.
Die gefährlichere Frage lautet: Was passiert, wenn psychische Belastung nicht ausreichend aufgefangen wird?
Hier kommen wir zur eigentlichen Verbindung zwischen psychischer Gesundheit und Sucht.
Menschen konsumieren psychoaktive Substanzen nicht ausschließlich, weil sie „Spaß haben wollen“.
Substanzen können auch benutzt werden, um:
- Angst herunterzuregulieren,
- Gedanken auszuschalten,
- traumatische Erinnerungen zu verdrängen,
- überhaupt schlafen zu können,
- soziale Situationen auszuhalten,
- sich leistungsfähig zu fühlen,
- innere Unruhe zu stoppen,
- Depression und Leere kurz nicht zu spüren,
- oder nach stimulierenden Substanzen wieder herunterzukommen.
Das ist Selbstmedikation.
Und genau hier liegt für moderne Suchtprävention vielleicht ein viel wichtigerer Ansatz als die reine Frage: „Welche Droge hat ein Jugendlicher genommen?“
Die bessere Frage lautet häufig: „Welches Problem versucht dieser Mensch gerade mit einer Substanz zu lösen?“
Xanax, Tilidin, Codein, Ritalin: Wenn Medikamente selbst Teil der Konsumkultur werden
Das Bundesgesundheitsministerium ließ mit dem Forschungsprojekt BOJE gezielt untersuchen, welche Rolle Benzodiazepine und Opioide in jugendlichen Konsumkulturen spielen.
Dabei geht es unter anderem um Wirkstoffe und Medikamente wie Alprazolam, Lorazepam, Diazepam, Tilidin, Tramadol, Codein und Oxycodon.
Die Konsummotive zeigen, warum die klassische Trennung zwischen „Medikament“ und „Droge“ in der Realität manchmal verschwimmt.
Medikamente können nichtmedizinisch genutzt werden, um zu berauschen, abzuschalten, Angst zu reduzieren, zu schlafen oder nach stimulierenden Drogen herunterzukommen.
Das heißt nicht, dass medizinische Verschreibungen die Ursache dieses Konsums sind. Es zeigt vielmehr, dass psychoaktive Medikamente längst Teil bestimmter jugendlicher Konsumwelten geworden sind.
Frankfurt zeigt: Nichtmedizinischer Medikamentenkonsum ist messbar
Die MoSyD-Schulbefragung 2024 unter 15- bis 18-Jährigen in Frankfurt zeigt ebenfalls, dass dieses Phänomen real ist.
7 Prozent berichteten mindestens einmal einen gezielten Medikamentenkonsum für Rausch beziehungsweise psychoaktive Wirkungen.
3 Prozent innerhalb der vergangenen 30 Tage.
Diese Ergebnisse dürfen nicht auf Deutschland hochgerechnet werden. Frankfurt ist eine lokale Stichprobe.
Aber die Daten zeigen: Das Problem existiert.
Und genau dort haben wir einen bemerkenswerten blinden Fleck
Deutschland weiß ziemlich genau, wie viele Jugendliche Alkohol trinken. Wir erfassen Cannabis. Wir erfassen Kokain, Amphetamine und Ecstasy.
Aber für Medikamentengebrauch und Medikamentenmissbrauch bei Jugendlichen gibt es bis heute keine kontinuierliche bundesweite Datengrundlage.
Das Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten sagt das selbst ausdrücklich. Eine bundesweite Gesamtaussage ist deshalb nicht möglich.
Gleichzeitig sehen wir erhebliche Veränderungen bei ärztlichen Psychopharmaka-Verordnungen und lokale Hinweise auf nichtmedizinischen Medikamentenkonsum.
Wir wissen also, dass sich etwas verändert – aber genau diesen Bereich vermessen wir wesentlich schlechter als Alkohol.
Vielleicht verändert sich nicht der Wunsch nach Rausch – sondern die Funktion von Substanzen
Warum trinken Menschen Alkohol? Warum konsumieren andere Cannabis, Kokain oder Amphetamine? Warum nehmen manche Benzodiazepine oder Opioide ohne medizinische Indikation? Und warum benötigen andere aufgrund einer Erkrankung Antidepressiva, Antipsychotika oder ADHS-Medikamente?
Diese Dinge sind medizinisch ausdrücklich nicht gleichzusetzen.
Aber hinter einem Teil des nichtmedizinischen Konsums finden wir ähnliche menschliche Bedürfnisse:
- abschalten,
- Angst reduzieren,
- funktionieren,
- Leistung bringen,
- schlafen,
- dazugehören,
- Gefühle regulieren,
- Stress ertragen,
- traumatische Erfahrungen verdrängen,
- oder berauscht sein.
Wenn wir ausschließlich fragen, wie viel Alkohol eine Generation konsumiert, erfahren wir über diese Bedürfnisse erstaunlich wenig.
Vertiefung: Die Illusion der „nüchternen“ Generation
Für alle, die die Zusammenhänge noch einmal visuell und kompakt nachvollziehen möchten, haben wir zusätzlich ein 13-seitiges Dossier erstellt.
Es zeigt unter anderem:
- warum sinkender Alkoholkonsum nur die sichtbare Spitze sein kann,
- wie sich Psychopharmaka-Verordnungen verändert haben,
- warum medizinische Therapie und Selbstmedikation getrennt werden müssen,
- welche Funktionen Substanzen für belastete Jugendliche übernehmen können,
- wie aus psychischer Belastung bei fehlender Hilfe Selbstmedikation entstehen kann,
- warum Angehörige häufig zum unbezahlten Auffangnetz werden,
- und warum moderne Prävention stärker nach Ursachen statt nur nach Substanzen fragen sollte.
📘 Kostenloses Dossier
Die Illusion der „nüchternen“ Generation
Warum weniger Alkohol nur die halbe Wahrheit ist.
Das Dossier verdichtet die Entwicklung bewusst als „Eisberg“: Sinkender Alkoholkonsum bleibt sichtbar, während darunter psychische Belastung, Off-Label-Gebrauch, Medikamentenmissbrauch, Selbstmedikation, Versorgungslücken und die Belastung von Familien liegen können. Genau diese Gesamtperspektive steht auch im Zentrum dieses Artikels. :chatgpt-content-reference{index=“1″}
In was für einer Welt leben wir, wenn Kinder bereits Medikamente brauchen, um psychisch zu funktionieren?
Diese Frage darf gestellt werden. Aber sie sollte nicht gegen die Kinder oder ihre Medikamente gerichtet werden.
Denn ein Jugendlicher mit schwerer Depression, ADHS, Angststörung oder Psychose hat nicht deshalb versagt, weil er Medikamente benötigt.
Auch seine Eltern haben nicht versagt.
Die gesellschaftliche Frage ist eine andere: Warum sind so viele junge Menschen psychisch belastet – und haben wir neben Medikamenten genügend andere Antworten?
Die COPSY-Längsschnittstudie zeigt, dass die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auch 2024 noch schlechter war als vor der Pandemie. Etwa 17 Prozent gehörten zu einer besonders vulnerablen Gruppe. Familiäre und soziale Ressourcen wirkten dagegen stark schützend.
Wenn Kinder unter Zukunftsangst, Krieg, wirtschaftlicher Unsicherheit, Leistungsdruck, sozialer Isolation, familiärer Belastung oder psychischen Erkrankungen leiden, reicht es nicht, ausschließlich nach dem richtigen Medikament zu fragen.
Wir müssen auch fragen:
- Wie schnell bekommt ein Kind Psychotherapie?
- Wie viel Zeit haben Fachkräfte?
- Welche Hilfe bekommt die Familie?
- Was passiert zwischen zwei Terminen?
- Wer hilft bei Schule, Alltag und sozialem Umfeld?
- Welche Angebote greifen, bevor ein Jugendlicher versucht, sich selbst mit Alkohol, Cannabis, Benzodiazepinen oder anderen Substanzen zu regulieren?
🧠 Medikament oder Selbstmedikation – ein entscheidender Unterschied
Medizinische Behandlung: Ein Medikament wird nach Diagnose, Nutzen-Risiko-Abwägung und fachlicher Begleitung eingesetzt.
Selbstmedikation: Ein Mensch versucht eigenständig, psychische Symptome oder Belastungen mit einer psychoaktiven Substanz zu verändern.
Beides kann dieselben menschlichen Probleme berühren – Angst, Schlaf, innere Unruhe oder Depression.
Aber medizinische Behandlung und Selbstmedikation dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Das größere Risiko entsteht häufig dort, wo Symptome bestehen, Hilfe fehlt oder der Zugang zu wirksamer Unterstützung nicht funktioniert.
Und wer trägt einen großen Teil dieser Belastung? Die Angehörigen
Wenn ein Kind oder Jugendlicher psychisch schwer belastet ist, betrifft das selten nur eine Person.
Eltern telefonieren mit Ärztinnen und Ärzten. Sie suchen Therapieplätze. Sie begleiten in Kliniken. Sie kämpfen mit Schule und Behörden. Sie beobachten Nebenwirkungen. Sie versuchen, Krisen einzuschätzen. Sie schlafen nachts schlecht.
Sie haben möglicherweise Angst vor Selbstverletzung, Drogen, Suizidalität oder einem vollständigen Zusammenbruch.
Und gleichzeitig sollen sie weiterhin arbeiten, Rechnungen bezahlen, Geschwister versorgen und selbst irgendwie funktionieren.
Internationale Untersuchungen zur Belastung von Eltern psychisch erkrankter Kinder zeigen erhebliche emotionale, soziale und finanzielle Belastungen. Besonders häufig werden fehlende Unterstützung, fehlende Informationen und Schwierigkeiten beim Zugang zur Versorgung beschrieben.
Das heißt: Wir dürfen Jugendpsychiatrie und Suchtprävention nicht ausschließlich als Behandlung des einzelnen Kindes denken.
Familien brauchen ebenfalls Hilfe.
Angehörige dürfen nicht erst dann auftauchen, wenn alles eskaliert
Eine Mutter, deren 16-jährige Tochter nachts nicht mehr schlafen kann, sich selbst verletzt und Medikamente nimmt, braucht nicht nur den Hinweis: „Achten Sie darauf, dass sie die Tabletten richtig nimmt.“
Sie braucht Wissen. Einen Krisenplan. Ansprechpartner. Entlastung. Grenzen. Eine Telefonnummer für die Nacht. Und manchmal schlicht jemanden, der ihr sagt, welcher nächste Schritt realistisch ist.
Dass Familien solche Aufgaben häufig selbst koordinieren müssen, ist kein Randthema.
Es ist Teil des Versorgungssystems – nur meistens unbezahlt und unsichtbar.
❤️ Angehörige sind kein kostenloser Ersatz für Versorgung
Eltern und Partner können unterstützen. Sie können aber keine Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Krisenintervention oder Suchthilfe ersetzen.
Wenn professionelle Versorgung fehlt, landet immer mehr Verantwortung in der Familie.
Das belastet nicht nur die Angehörigen – es kann auch das gesamte Familiensystem destabilisieren.
Führt die Behandlung mit Psychopharmaka später in eine Drogenfalle?
So pauschal: nein.
Diese Schlussfolgerung geben die Daten nicht her.
Gerade bei ADHS ist wichtig, das Gegenteil nicht zu übersehen: ADHS selbst ist mit einem erhöhten Risiko für spätere Substanzprobleme verbunden. Eine fachgerecht durchgeführte medikamentöse Behandlung ist nicht als Ursache späterer Abhängigkeit belegt.
Das bedeutet aber nicht, dass wir steigende Psychopharmaka-Verordnungen nicht kritisch beobachten dürfen.
Wir müssen gleichzeitig fragen:
- Ist die Diagnose sauber?
- Ist das Medikament medizinisch indiziert?
- Gibt es regelmäßige Verlaufskontrollen?
- Ist die Anwendung Off-Label und wenn ja, warum?
- Gibt es gleichzeitig Psychotherapie?
- Werden Familie und Umfeld einbezogen?
- Gibt es Unterstützung für Alltag, Schule und soziale Probleme?
- Was passiert, wenn ein junger Mensch zusätzlich Cannabis, Alkohol oder andere Substanzen nutzt?
Die mögliche „Falle“ liegt deshalb nicht einfach in der Tablette.
Sie kann in einer Versorgung liegen, die Symptome medikamentös behandelt, während Belastungen, Trauma, Familie und soziale Umgebung zu wenig Unterstützung bekommen.
Genau dort kann Selbstmedikation beginnen
Wenn ein junger Mensch trotz Behandlung weiter nicht schlafen kann, Angst hat, innerlich rast oder emotional abstürzt, sucht er möglicherweise zusätzliche Wege, seinen Zustand zu verändern.
Für den einen wird das Cannabis. Für einen anderen Alkohol. Für jemanden anderes Benzodiazepine. Oder Kokain und Amphetamine, um überhaupt funktionieren zu können.
Das bedeutet nicht, dass eine zuvor verschriebene Medizin diese Entwicklung verursacht hat.
Es bedeutet: Wenn die zugrunde liegende Belastung nicht ausreichend aufgefangen wird, bleibt der Wunsch nach Regulation bestehen.
Und genau dort treffen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Prävention und Suchthilfe aufeinander.
Die eigentliche Entwicklung könnte deshalb komplexer sein
Die verfügbaren Daten ergeben kein Bild einer Jugend, die Alkohol einfach gegen Kokain, Xanax oder Medikamente ausgetauscht hat.
Das wäre eine Übertreibung.
Sie zeigen aber mehrere parallele Entwicklungen:
Bei Minderjährigen
Alkoholkonsum ist langfristig deutlich zurückgegangen. Ein entsprechender Boom harter illegaler Drogen ist nicht erkennbar. Gleichzeitig haben sich Psychopharmaka-Verordnungen teilweise erheblich verändert.
Bei jungen Erwachsenen
Auch hier ist der Alkoholkonsum langfristig gesunken. Parallel sehen wir jedoch erhebliche Veränderungen bei Cannabis, Kokain und weiteren illegalen Substanzen.
Bei Medikamenten
Es gibt große Veränderungen in der medizinischen Verordnung und Hinweise auf nichtmedizinischen Konsum. Gleichzeitig fehlt gerade bei Minderjährigen eine kontinuierliche bundesweite Datengrundlage.
Bei der psychischen Gesundheit
Viele Kinder und Jugendliche sind weiterhin erheblich belastet. Familiäre und soziale Ressourcen können schützen, während psychische Belastungen, soziale Krisen und fehlende Hilfe Risiken verstärken.
Bei Angehörigen
Ein erheblicher Teil der praktischen Versorgung landet zu Hause: Krisen auffangen, Termine organisieren, Medikamente begleiten, Schule koordinieren und nachts erreichbar sein.
Die Gesamtentwicklung als Mind-Map
Die verschiedenen Entwicklungen lassen sich besser verstehen, wenn man sie nicht als voneinander getrennte Statistiken betrachtet. Die folgende Mind-Map verbindet den langfristigen Alkoholrückgang mit dem fortbestehenden Rauschtrinken und den Veränderungen bei Cannabis, Kokain und anderen psychoaktiven Substanzen.

Deshalb reicht „Junge Menschen trinken weniger“ nicht
Die Drugcom-Meldung ist nicht falsch.
Dass junge Menschen weniger Alkohol konsumieren als frühere Generationen, ist zunächst eine gute Nachricht.
Aber daraus dürfen wir nicht automatisch die Geschichte einer immer nüchterneren und psychisch gesünderen Generation machen.
Möglicherweise verändert sich etwas Grundsätzlicheres: Die Wege, mit denen junge Menschen ihren psychischen Zustand beeinflussen, werden vielfältiger.
Alkohol ist dabei nur eine Substanz unter vielen. Cannabis gehört dazu. Stimulanzien gehören dazu. Nichtmedizinisch konsumierte Medikamente gehören dazu.
Und parallel wächst die Bedeutung medizinischer Behandlung psychischer Erkrankungen mit Psychopharmaka – die ausdrücklich nicht mit Drogenmissbrauch gleichgesetzt werden darf.
Wir brauchen eine Gesamtperspektive statt einzelner Erfolgsmeldungen
Die entscheidenden Fragen für moderne Prävention sollten deshalb lauten:
- Was konsumieren junge Menschen insgesamt?
- Warum konsumieren sie?
- Welche Substanzen werden kombiniert?
- Welche Rolle spielen Angst, Trauma, ADHS, Depression und Selbstmedikation?
- Welche Rolle spielen verschreibungspflichtige Medikamente?
- Wie schnell bekommen junge Menschen Psychotherapie und andere Hilfen?
- Wie werden Angehörige unterstützt?
- Wo entstehen neue Risiken, während alte zurückgehen?
Erst dann wissen wir wirklich, ob eine Generation nüchterner geworden ist.
Oder ob sich lediglich verändert hat, womit und warum Menschen versuchen, ihren inneren Zustand zu verändern.
Unser Fazit
Weniger Alkohol ist ein Erfolg.
Diesen Erfolg sollte niemand kleinreden.
Aber weniger Alkohol allein ist kein Beweis für weniger Rausch, weniger Selbstmedikation, weniger psychische Belastung oder weniger psychoaktiven Substanzgebrauch insgesamt.
Bei Minderjährigen gibt es derzeit keinen Beleg dafür, dass harte illegale Drogen Alkohol großflächig ersetzt hätten.
Bei jungen Erwachsenen sehen wir dagegen parallel deutliche Veränderungen bei Cannabis, Kokain und weiteren Substanzen.
Bei Psychopharmaka beobachten wir erhebliche Veränderungen der Verordnungen. Das ist nicht automatisch Übermedikalisierung – aber es ist ein Signal, genauer hinzusehen.
Und bei nichtmedizinischem Medikamentenkonsum fehlt ausgerechnet bei Minderjährigen eine bundesweit kontinuierliche Datengrundlage.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage gar nicht: „Warum trinken junge Menschen weniger?“
Was brauchen junge Menschen heute, um sich gut zu fühlen – und womit versuchen sie es, wenn es ihnen nicht gut geht?
Und wir sollten noch eine zweite Frage hinzufügen:
Wer trägt sie, wenn sie es alleine nicht mehr schaffen?
Sehr häufig sind es ihre Eltern, Geschwister und andere Angehörige.
Eine moderne Prävention muss deshalb mehr können, als Substanzen zu zählen. Sie muss junge Menschen früher erreichen, psychische Erkrankungen ernst nehmen, Selbstmedikation erkennen und Familien mitdenken.
Denn der beste Zeitpunkt für Suchthilfe ist nicht erst dann, wenn aus psychischer Belastung längst eine Abhängigkeit geworden ist.
Bleibt wachsam.
Dein Gabriel ✌️
Sofort 112 bei diesen Zeichen
- Bewusstlosigkeit
- langsame, unregelmäßige oder fehlende Atmung
- blaue Lippen
- Krampfanfall
- Brustschmerz
- schwere Überhitzung
- Suizidabsicht oder akute Selbstgefährdung
- schwere Gewalt oder Bedrohung
- Kind akut unbeaufsichtigt oder gefährdet
- Vergiftung / Überdosis-Verdacht
- schwere Verwirrung, Psychose oder Kontrollverlust
Wenn du unsicher bist, ob es akut ist, behandle es lieber als akut und hole echte Hilfe.
Wissens-Check
❓ Trinken Jugendliche heute wirklich weniger Alkohol?
Ja. Langfristig ist der Konsum deutlich zurückgegangen. Allerdings stagniert der Rückgang bei einzelnen Kennzahlen seit mehreren Jahren und Rauschtrinken bleibt relevant.
❓ Haben harte Drogen Alkohol bei Jugendlichen ersetzt?
Dafür gibt es bei Minderjährigen derzeit keinen belastbaren Beleg. Bei jungen Erwachsenen sind jedoch Zunahmen einzelner illegaler Substanzen zu beobachten.
❓ Bekommen Jugendliche heute häufiger Psychopharmaka?
Bei einzelnen Wirkstoffen und insbesondere bei Mädchen zeigen deutsche Krankenkassendaten erhebliche Zunahmen. Die Entwicklung muss jedoch nach Medikament, Diagnose und medizinischer Indikation differenziert werden.
❓ Führen ADHS-Medikamente später zu Drogensucht?
Dafür gibt es keinen überzeugenden Beleg. ADHS selbst ist mit einem erhöhten Suchtrisiko verbunden; korrekt eingesetzte Stimulanzien erhöhen dieses Risiko nach bisheriger Evidenz nicht.
❓ Kann psychische Belastung Selbstmedikation fördern?
Ja. Manche Menschen nutzen psychoaktive Substanzen, um Angst, Schlafprobleme, innere Unruhe, Depression, Stress oder traumatische Belastungen eigenständig zu regulieren.
❓ Werden Medikamentenmissbrauch und Medikamentenkonsum Jugendlicher bundesweit erfasst?
Für Minderjährige gibt es derzeit keine kontinuierliche bundesweite Gesamterhebung, die diesen Bereich so detailliert und regelmäßig erfasst wie beispielsweise Alkohol.
❓ Welche Rolle spielen Angehörige?
Eltern und andere Angehörige übernehmen häufig erhebliche Koordinations-, Krisen- und Betreuungsaufgaben. Professionelle Versorgung sollte sie unterstützen und nicht stillschweigend durch sie ersetzt werden.
Quellen & Transparenz
Dieser Artikel unterscheidet ausdrücklich zwischen medizinisch notwendiger Behandlung, nichtmedizinischem Medikamentenkonsum und illegalem Substanzkonsum. Parallel verlaufende Trends beweisen keine kausale Verdrängung von Alkohol durch andere Substanzen.
- BIÖG: Drogenaffinitätsstudie 2025 – Alkohol, Cannabis und illegale Drogen.
- drugcom.de: „Junge Menschen trinken weniger Alkohol“, September 2026.
- Psychiatrische Versorgungsforschung: Entwicklung von Psychopharmaka-, Antidepressiva- und Antipsychotika-Verordnungen bei Jugendlichen.
- DAK Kinder- und Jugendreport: ADHS-Diagnosen und medikamentöse Behandlung.
- Bundesministerium für Gesundheit: BOJE – Benzodiazepin- und Opioidkonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
- MoSyD Frankfurt 2024: Schulbefragung zu Substanz- und Medikamentenkonsum.
- Datenportal des Bundesdrogenbeauftragten: Medikamentengebrauch und Datenlage bei Jugendlichen.
- COPSY: psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen.
- Anonym Suchthilfe: „Die Illusion der nüchternen Generation“ und ergänzende Visualisierungen.
Hinweis: Die genannten Studien verwenden teilweise unterschiedliche Altersgruppen, Zeiträume, Definitionen und Messgrößen. Parallel verlaufende Trends beweisen keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Psychopharmaka niemals eigenständig beginnen, absetzen oder verändern. Bei psychischen Krisen, problematischem Medikamentenkonsum oder Suchtdruck professionelle Hilfe einbeziehen.
Was denkst du dazu?
Teile deine Gedanken anonym in der Community und verdiene Punkte.
Noch keine Diskussion vorhanden. Schreib den ersten Kommentar und eroeffne den ersten Thread.