Porno-Rückfälle können mit Stressregulation, emotionalen Mustern und einem kleinen Stresstoleranzfenster zusammenhängen – nicht nur mit fehlender Willenskraft.
✍️ Gastartikel von FreiVonX
Dieser Beitrag ist ein Gastartikel von Florian Günther / FreiVonX.
Der Originaltext wurde von Anonym Suchthilfe inhaltlich nicht verändert. Wir haben ihn lediglich in unser Seitenlayout eingebettet und um unsere Podcast- und Video-Version ergänzt.
Pornosucht: Warum Du rückfällig wirst, obwohl Du es nicht willst, und Willenskraft gegen Dein Nervensystem machtlos ist
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Zum Video:
Stell Dir einen Mann vor, 36 Jahre alt.
Nennen wir ihn Thomas.
Heute ist der größte Tag seines bisherigen Berufslebens.
Jahrelang hat er mit seinem Team auf diesen einen Moment hingearbeitet.
Nächte im Büro, verschobene Urlaube, ein Prototyp, der drei Wochen vor dem Start noch versagt hat.
Jetzt steht er auf der Bühne.
Er klickt seine Folien weiter, und hinter ihm erscheint das Produkt auf der Leinwand.
Eine Sekunde Stille.
Dann steht der Saal.
Pressekonferenz, Scheinwerferlicht, Applaus, Glückwünsche im Minutentakt.
Die Arbeit hat sich ausgezahlt, es ist ein voller Erfolg.
Am Abend schließt er die Tür seiner Wohnung auf und macht das Licht an.
Niemand ist da.
Auf seinem Handy leuchten Dutzende Glückwünsche, von Kollegen, Kunden, Journalisten.
Keiner davon ist von jemandem, der jetzt neben ihm auf dem Sofa sitzen könnte.
Jetzt fällt das Licht auf einen anderen Teil seines Lebens, einen, den er lange vernachlässigt hat:
Seine Ehe ist gescheitert, eine neue Beziehung gibt es nicht.
Er hängt das Sakko auf, und die Freude ist immer noch da, er spürt sie im ganzen Körper.
Aber da ist noch etwas anderes, eine seltsame Leere.
Er läuft durch die Wohnung und weiß nicht, wohin mit sich.
Plötzlich schießt ihm der Gedanke durch den Kopf.
Nur kurz diese eine Porno-Darstellerin nachschauen.
Was es wohl Neues von ihr gibt.
Obwohl er sich eigentlich fest vorgenommen hatte, endlich ganz damit aufzuhören.
Eine Stunde später hat er einen Rückfall mit Pornografie.
Obwohl scheinbar alles perfekt ist und er eigentlich glücklich sein müsste.
Warum muss er sich an genau diesem Abend noch einen Kick obendrauf setzen?
Die Antwort ist nicht Schwäche, nicht fehlende Disziplin und auch nicht zu viel Lust.
Die Antwort liegt in seinem Nervensystem, und um sie zu verstehen, müssen wir weit zurückgehen, bis in seine Kindheit.
Erst der Erfolg, dann der Browser: Kennst Du das?
Vielleicht erkennst Du Dich in dieser Szene wieder.
Nicht unbedingt in der Pressekonferenz, aber in dem Muster.
Du hast etwas geschafft, eine Prüfung bestanden, ein Projekt abgeschlossen, einen guten Tag gehabt, und ausgerechnet dann meldet sich das Verlangen.
Pornos als Belohnung.
Pornos, wenn Du Dich freust.
Ein Mann beschrieb uns diesen Gedanken im Erstgespräch fast wörtlich so:
“Hey, ich habe Stress und 25.000 E-Mails, und jetzt wo ich das abgearbeitet habe – da hab ich eine Belohnung verdient. Da guckst Du da mal rein.”
Ein anderer erzählte, dass das Verlangen bei ihm vor allem dann kam, wenn er nichts mehr zu tun hatte und seine To-do-Liste komplett erledigt war.
Nicht in der Anspannung also, sondern genau in dem Moment, in dem eigentlich Ruhe und Zufriedenheit kommen dürften.
Für viele klingt das paradox.
Pornos gelten als Flucht vor schlechten Gefühlen, vor Stress, Einsamkeit oder Frust, und das stimmt oft auch.
Aber es ist tatsächlich etwas, das uns Männer in der Begleitung immer wieder schildern, nicht alle, aber manche: Freude löst bei ihnen Rückfälle aus.
Es ist ein bekannter Rückfallmechanismus, und er hat einen sehr verständlichen Grund.
Kurz gesagt: Bei einer Pornosucht kann sogar Freude einen Rückfall auslösen, wenn das Nervensystem nie gelernt hat, Freude in Verbindung mit anderen Menschen zu halten, und die Spannung dieses Gefühls deshalb allein und schnell loswerden muss.
Was das genau bedeutet, siehst Du an Thomas.
Eine Urkunde auf dem Küchentisch
Thomas ist in einem gut behüteten Haushalt aufgewachsen.
Es gab keine Gewalt, keine Armut, kein Drama, und wenn Du ihn fragst, wird er sagen, dass seine Kindheit in Ordnung war.
Das Einzige, was vielleicht nicht optimal war: Sein Vater hat sehr viel gearbeitet.
Er kam spät nach Hause, müde, mit dem Kopf noch im Büro.
Seine Mutter war immer da, aber irgendwie blass.
Sie hat den Haushalt geführt, das Essen stand pünktlich auf dem Tisch, die Wäsche war gemacht, aber sie selbst blieb seltsam unsichtbar, leise, zurückhaltend, wie hinter einer Glasscheibe.
Versorgt war Thomas immer, gewärmt eher selten.
Wenn Du Thomas heute fragen würdest, wie das als Kind war, wenn er sich richtig gefreut hat, müsste er vermutlich lange nachdenken.
Und wenn er sich überhaupt erinnert, dann vielleicht an einen Nachmittag wie diesen.
Thomas ist acht und hat beim Sportfest den Sprint gewonnen.
Er rennt mit der Urkunde nach Hause, reißt die Tür auf und ruft schon im Flur nach seiner Mutter.
Sie steht am Herd und dreht sich nur halb um.
“Schrei nicht so, Thomas.”
Dann rührt sie weiter im Topf.
Am Abend liegt die Urkunde noch auf dem Küchentisch, als sein Vater nach Hause kommt und seine Aktentasche genau darauf abstellt.
Solche Momente gab es viele, und seine Freude war den Eltern oft schnell zu viel.
“Sei mal still.”
“Wenn Du so viel Energie hast, dann geh raus.”
Oder es war schlicht niemand da, mit dem er sie hätte teilen können.
Thomas war Einzelkind, es gab keine Geschwister, zu denen er mit seiner Begeisterung hätte laufen können.
Aus therapeutischer Sicht kann man heute sagen: In seiner Ursprungsfamilie gab es keinen Raum für Freude, und es gab niemanden, mit dem er sie teilen konnte.
Niemand hat das böse gemeint.
Die Eltern waren vermutlich schlicht überfordert, erschöpft oder hatten selbst nie gelernt, mit lebendigen Gefühlen umzugehen.
Thomas weiß es vielleicht bis heute nicht.
Doch bei ihm kam es trotzdem als Ablehnung an.
Warum ausgerechnet Freude? Es geht nicht um das Gefühl, sondern um die Verbindung
Jetzt kommt die Erkenntnis, die auf den ersten Blick paradox wirkt.
Freude ist doch ein positives Gefühl, wie kann ausgerechnet sie einen Rückfall auslösen?
Die Antwort: Für Dein Nervensystem spielt es kaum eine Rolle, ob ein Gefühl angenehm oder unangenehm ist.
Entscheidend ist eine andere Frage, nämlich ob Du mit diesem Gefühl Verbindung und Sicherheit erlebt hast.
Genauer gesagt: Ist die Verbindung zu Deinen Bezugspersonen bestehen geblieben, wenn dieses Gefühl da war, oder wurde sie unterbrochen?
Bei Thomas wurde sie bei Freude unterbrochen.
Das ist etwas, das jedes Kind mit seinen Bezugspersonen durchtestet, mit jedem einzelnen Gefühl, tausendfach, unbewusst.
Gibt es hier Raum für meine Freude?
Bleibt die Verbindung bestehen, wenn ich meine Wut authentisch zeige?
Werde ich weiter gehalten, wenn ich weine?
Dieses Spiel läuft über viele Jahre, bis sich das Kind von seinen Eltern ablöst.
Und für jedes Gefühl gibt es im Kern zwei mögliche Ergebnisse.
Annahme: Ich werde mit diesem Gefühl angenommen, die Verbindung hält.
Ablehnung: Ich werde mit diesem Gefühl abgelehnt, die Verbindung reißt ab, und sei es nur für einen Moment.
Für ein Kind sind die Eltern so etwas wie Götter.
Wenn sie ihm spiegeln, dass ein Gefühl zu viel, unangemessen oder falsch ist, dann zieht das Kind nicht den Schluss, dass die Eltern gerade überfordert sind.
Es zieht den Schluss: Mit diesem Gefühl bin ich nicht okay.
In der Psychologie heißt das emotionale Invalidierung.
Und ja, das betrifft auch positive Gefühle.
Es klingt absurd, aber auch Freude, Begeisterung oder Zuneigung können abgewiesen werden, etwa wenn ein Kind seine Liebe überschwänglich zeigt und dafür zurückgestoßen oder belächelt wird.
Manche Männer beschreiben, dass sie sich ausgerechnet dann allein fühlen, wenn sie sich freuen.
Genau das ist gemeint.
Übrigens: Das ist kein Urteil über Deine Eltern.
Du kannst Deine Eltern lieben und ihnen dankbar sein, und trotzdem anerkennen, dass nicht alles perfekt war.
Beides darf nebeneinander stehen.
Deine emotionale Landkarte: Welche Gefühle durften sein?
Aus all diesen Wiederholungen baut sich ein Kind eine innere, emotionale Landkarte.
Welche Gefühle sind sicher?
Welche Gefühle sind gefährlich?
Du kannst Dir das wie einen grünen Kreis in einem roten Bereich vorstellen.

Im grünen Kreis liegen die Gefühle, mit denen Du angenommen wurdest.
Vielleicht durfte Trauer sein, weil Deine Mutter Dich dann getröstet hat.
Im roten Bereich liegen die Gefühle, mit denen Du abgelehnt wurdest oder allein geblieben bist.
Vielleicht war Wut dort, weil sie Deinem Vater Angst gemacht hat, oder Angst, weil Du dann als Feigling galtest, oder eben Freude, wie bei Thomas.
Wichtig ist: Diese Landkarte zeigt nicht, welche Gefühle gut oder schlecht sind.
Sie zeigt die Grenzen der emotionalen Entwicklung Deiner Bezugspersonen.
Was sie selbst nicht halten konnten, konnten sie Dir auch nicht beibringen.
Mit dieser Landkarte geht das Kind später hinaus in die Welt, und als Erwachsener läuft es damit noch immer herum, meist ohne es zu wissen.
Die Gefühle im roten Bereich sind ungeübt.
Sie fühlen sich unsicher an, sind vielleicht auch schambesetzt.
Die Gefühle im grünen Kreis machen Dir als Erwachsener dagegen selten Probleme, denn mit ihnen hast Du Tausende Male geübt, am Vorbild und in echter Begegnung.
Es gibt keinen Grund, zu flüchten oder (z. B. mit Pornografie) zu kompensieren.
Die Psychologie nennt diesen Bereich, in dem Du ein Gefühl noch halten kannst, ohne emotional überfordert zu werden, kompensieren, flüchten oder abschalten zu müssen, das Stresstoleranzfenster (window of tolerance, Siegel 1999).
Wichtig: Dieses Fenster ist nicht für alle Gefühle gleich groß.
Jedes Gefühl hat sein eigenes Fenster, und bei Gefühlen aus dem roten Bereich ist es oft sehr klein.

Daraus folgt ein Satz, den Du Dir merken darfst:
Jedes Gefühl, für das Du nur ein kleines Stresstoleranzfenster hast und gleichzeitig in einer (Arbeits- oder sozialen) Umgebung bist, in der höhere Spannung auf Dein System einwirkt, ist ein potenzieller Rückfalltreiber.
Egal, ob sich das Gefühl an sich angenehm oder unangenehm anfühlt.
Denn mit so einem Gefühl bist Du eher auf ein äußeres Hilfsmittel angewiesen, um seine Spannung zu senken, weil Du selbst noch wenig damit umgehen kannst.
Wenn Du magst, stell Dir an dieser Stelle zwei Fragen.
Für welche Gefühle gab es in Deiner Familie Raum, und für welche nicht?
Und wie sind Deine Eltern selbst mit Spannung umgegangen, haben sie sich zurückgezogen, sind sie laut geworden, oder haben sie darüber gesprochen?
Die Antworten verraten Dir oft ziemlich genau, wo Deine Rückfälle herkommen.
Wenn Du beim Lesen merkst, dass Dich diese Fragen nicht mehr loslassen: Hilfe bei Pornosucht, die genau bei diesen frühen Mustern ansetzt, findest Du bei FreiVonX.
Die seltsame Leere: Was von unterdrückten Gefühlen übrig bleibt
Was macht ein Kind mit einem Gefühl, das in seiner Herkunftsfamilie keinen Platz hat?
Es lernt, es nicht mehr zu zeigen.
Denn Ablehnung tut sehr weh, und irgendwann weiß das Kind aus Erfahrung, dass es mit dieser Emotion wieder abgelehnt wird.
Also drückt es sie weg.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: Gefühle, die Du unterdrückst, gehen nicht weg.
Sie werden nur ins Unterbewusstsein geschoben.
Das Gefühl ist weiter da, es ist nur nicht mehr bewusst.
Es sind vielleicht Teile von Dir, die sich nicht mehr ins Licht trauen, weil die Welt für sie nicht sicher war.
Genau das spürt Thomas an seinem großen Abend.
Die seltsame Leere, wenn er allein nach Hause kommt, ist nicht einfach Müdigkeit.
Sie ist das Gefühl, dass da etwas in ihm ist, das er nicht richtig wahrnehmen kann und mit niemandem teilen kann.
Seine Freude ist da, aber sie hat keinen Ort, an den sie darf.
Er ist mit ihr allein, so wie damals.
Diese Leere nach dem Gipfel kennen auch Menschen, die so weit oben stehen wie kaum jemand sonst.
Michael Phelps, der erfolgreichste Olympionike aller Zeiten, hat später offen darüber gesprochen, dass er nach Olympischen Spielen in tiefe Löcher fiel.
Er verließ tagelang kaum sein Zimmer und wollte nicht mehr leben.
Die Medaille um den Hals, und innen nichts, das sie halten konnte.
Ein Mann beschrieb diesen Zustand vor einem Rückfall so:
“Durch diese Einsamkeit, Stille, Leere, kam bei mir diese Frustration wieder hoch. Tack, bumm, auf einmal habe ich mir gedacht: Ach, scheiß drauf, ist doch mir jetzt egal.”
Leere ist oft kein Mangel an Gefühl.
Sie ist vielleicht ein Gefühl, das keinen Ausweg findet.
Mit dreizehn: Spannung sucht einen Ausgang, Gefühl sucht einen sicheren Ort
Um zu verstehen, warum daraus ausgerechnet ein Porno-Rückfall wird, schauen wir auf Thomas als Jugendlichen.
Er hat seine Freude längst unterdrückt, um Ablehnung zu vermeiden.
Seine Eltern fragen sich, was aus dem lebhaften Jungen von früher geworden ist.
Viele Emotionen zeigt Thomas nicht mehr.
Aber sie sind nicht weg.
Sie schlummern im Unterbewusstsein.
Und ein Gefühl, auch wenn es unterdrückt ist, strebt immer nach zwei Dingen.
1. Die Spannung sucht Entladung
Unser Nervensystem hält unsere Emotionen und erzeugt Bedürfnisse, die wir als Spannung im Körper wahrnehmen können.
Das Nervensystem erzeugt also zu jeder Emotion ein ganz spezifisches Erregungs- und Spannungsmuster im Bewegungsapparat, in den Muskeln.
Dieses Spannungsmuster bereitet uns darauf vor, die Lösung zu realisieren. Die Spannung drängt auf Entladung.
Diese Kette von Emotion und Bedürfnis fühlt sich für jeden Fall anders an.
Angst fühlt sich dabei anders an als Scham, Einsamkeit anders als Wut, Freude anders als Trauer.
Wie sieht das z. B. konkret bei Wut aus?
Wut spannt den Kiefer an, denn der Körper bereitet sich darauf vor, sich zu wehren.
Wenn die Situation aber nie gelöst werden kann, weil es nicht sicher war, die Emotion “durchlaufen zu lassen”, bleibt die Spannung im Kiefer sitzen.
Manchmal für immer.
Und über diese Spannung erinnert der Körper den Menschen daran, dass da noch etwas offen ist und er weiter nach einer Lösung suchen soll.
Diese Spannungen sind Teil des emotionalen Gedächtnisses.
Ein Kind, das für ein Problem keine Lösung findet, legt es gewissermaßen ab, mit dem stillen Versprechen: Irgendwann bin ich groß, und dann löse ich das.
Bei Thomas war das Problem unlösbar: Wie soll ich mit meiner Freude umgehen, wenn ich damit immer abgelehnt werde?
Also bleibt es als Spannung im Körper zurück.
Das emotionale Gedächtnis ist dem Verstand nicht direkt zugänglich, deshalb erinnern sich viele Männer nicht an konkrete Szenen, sondern nur an ein diffuses Gefühl.
Aber sobald etwas in der Gegenwart an das alte Gefühl rührt, springt die alte Spannung mit an.
Deshalb kann ein kleiner Anlass eine riesige Reaktion auslösen, weil nicht nur die Gegenwart, sondern die ganze alte Geschichte aus der Vergangenheit mitschwingt.
Und je größer die Spannung, desto stärker und schneller muss das Mittel sein, das sie wieder senkt.
2. Das Gefühl sucht Sicherheit
Das Zweite ist: Die unterdrückte Emotion sucht einen sicheren Ort, an dem sie endlich da sein darf.
Und diese Suche ist fieberhaft.
Das Problem ist nur, dass Thomas diesen sicheren Ort in der echten Welt heute gar nicht erst sucht.
Denn in ihm ist ein Glaubenssatz abgelegt: Sich zu freuen ist nicht sicher.
Wenn ich mich freue, werde ich abgelehnt.
Und tief unten im emotionalen Gedächtnis eines kleinen Kindes steht noch ein Satz mehr: Wenn ich abgelehnt werde, bin ich allein, und allein kann ich nicht überleben.
Dazu kommt, dass Kinder die Persönlichkeit ihrer Eltern auf die Welt übertragen.
Aus “mein Vater reagiert so” wird unbemerkt “alle Männer reagieren so” (besonders die, die ihm ähneln; also z. T. auch Kunden, Vorgesetzte etc.), aus “meine Mutter reagiert so” wird “alle Frauen reagieren so”.
Viele Männer tragen deshalb die Überzeugung in sich, Frauen letztlich nicht vertrauen zu können.
Das fühlt sich an wie Stärke, wie Klugheit: Ich weiß ja schon vorher, wie es ausgeht.
In Wahrheit ist es vielleicht ein alter Schutz, der nie überprüft wurde.
Denn nicht alle Frauen sind wie Deine Mutter, und nicht alle Männer sind wie Dein Vater.
Aber solange dieser Glaubenssatz unbemerkt wirkt, wird Thomas seine Freude keinem echten Menschen zeigen.
Also sucht er woanders.
Der Raum, in dem Dich niemand zurückweist
Du ahnst vermutlich schon, wo Thomas diesen Ort findet.
Er ist dreizehn, ein Nachmittag, die Eltern sind nicht zu Hause.
Das Zimmer ist still, nur der Rechner summt.
Ein paar Klicks, ein paar Bewegungen, und zum ersten Mal seit Langem lässt die Spannung in seinem Körper nach.
Er hat die Lösung gefunden, zumindest in einer parallelen Realität: im Raum der Pornografie.
Dort findet er endlich beides, wonach seine Freude gesucht hat.
Erstens: Im Raum der Pornografie gibt es keine Ablehnung.
Die Frauen dort schauen ihn nicht genervt an, sie sagen nicht “sei still”, und sie verschwinden nicht plötzlich.
Du kannst das Video anmachen und weißt genau, was passiert.
Aus der Sicht des kindlichen Anteils fühlt sich dieser Raum sicher an.
Doch in Wahrheit ist er tot, es ist kein lebendiger Raum und niemand ist wirklich da.
Aber genau diese Leblosigkeit fühlt sich an wie Sicherheit, denn wo niemand ist, kann Dich auch niemand zurückweisen.
Zweitens: Im Raum der Pornografie ist ein Orgasmus (die Entladung der Spannung) möglich.
Zumindest fühlt es sich für einen kurzen Moment so an.
Lange genug, damit die Dopamin-Ausschüttung eine Lernschleife auslöst: “Hier findest Du endlich die Lösung.”
Die Spannung, die seit Jahren nach einem Ausgang sucht, entlädt sich schlagartig.
Man könnte auch sagen: Die Energie des Gefühls sucht einen Weg, sich im Körper auszudrücken, sich zu materialisieren, und hier findet sie einen.
Man könnte es einen Kurzschluss nennen: Die Energie fließt ab, aber sie fließt ins Leere, sie landet bei keinem Menschen und löst nichts.
Und weil es keine Lösung ist, muss die Suche weitergehen.
Angetrieben durch die Dopamin-vermittelte Lernschleife wird die Suche zur Sucht – am falschen Ort.
Trotzdem ist es für einen Moment diese eine enorme Erleichterung.
Und der Ort der Suche bleibt derselbe: dort, wo es keine Lösung gibt.

Was spätestens hier klar wird:
Bei vielen Männern geht es im Kern gar nicht um Sex.
Pornografie wird zu einem Werkzeug, um den eigenen emotionalen Zustand zu verändern.
Die Forschung stützt das: In einer Studie der Universität Duisburg-Essen nutzten Männer, die stärker zu süchtigem Konsum neigten, Pornos häufiger, um unangenehmen Gefühlen auszuweichen, und der Konsum veränderte ihre Stimmung messbar (Laier & Brand 2017).
Genau diese kurzfristige Erleichterung wirkt als Belohnung, die das Verhalten verstärkt.
Eine Untersuchung mit 1.247 Teilnehmenden fand einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Pornokonsum und Einsamkeit (Butler et al. 2018).
Und Männer mit diagnostizierter hypersexueller Störung berichteten in einer schwedischen Studie signifikant häufiger von belastenden Kindheitserfahrungen als die Vergleichsgruppe, zudem war ihr Stresshormonsystem verändert (Chatzittofis et al. 2016).
Man kann es auch so sagen: Thomas hat sich als Jugendlicher einen Ersatz geschaffen für das, was ihm seine Eltern hätten geben sollen.
Einen geheimen Raum, in dem seine Gefühle okay sind.
Einen Ort, an dem seine Lebhaftigkeit endlich sicher ist.
Das war damals keine Schwäche, sondern Selbsthilfe, denn sonst wäre er mit seinen Gefühlen komplett allein geblieben.
Vielleicht verstehst Du jetzt den Abend nach der Pressekonferenz.
Die Freude ist riesig, die Spannung in seinem Nervensystem steigt, aber sie liegt weit außerhalb dessen, was sein Nervensystem je halten gelernt hat.
Es gibt niemanden, mit dem er sie teilen kann.
Die alte Leere meldet sich.
Und sein Nervensystem greift zu dem Weg, den es seit der Jugend kennt: der sichere Raum ohne Ablehnung, die schnelle Entladung, der Kurzschluss.
Nicht Dein Wille, nicht Deine Hände: Wer bei Pornosucht den Rückfall wirklich auslöst
Fassen wir zusammen, was wir bisher gesehen haben.
Die Ursache eines Porno-Rückfalls liegt im Nervensystem, denn dort sind Gefühle abgelegt, und Gefühle drängen immer auf eine Lösung, so wie Bedürfnisse immer befriedigt werden wollen.
Vielleicht fragst Du Dich jetzt: Und was ist mit meinem Willen?
Dein Verstand ist es nicht, der über Rückfall oder Freiheit entscheidet.
Im Verstand weißt Du meistens ganz genau, dass Pornos Dir schaden, dass sie Dich Energie kosten, dass Du so keine Partnerin findest oder Deine Beziehung belastest.
Ein Mann hat es so beschrieben:
“Es sind schon zwischendurch die Gedanken da, dass ich das eigentlich gar nicht machen will, aber die sind dann zu schwach.”
Dein bewusster Wille will meist keinen Rückfall, also ist er auch nicht derjenige, der ihn beschließt.
Sind es dann Deine Muskeln, die abends wie von selbst die Suchbegriffe tippen?

Auch nicht, denn die Muskulatur ist nicht autonom.
Sie ist die Marionette, und das Nervensystem ist der Puppenspieler, der die Fäden zieht, das Nervensystem als Ganzes und besonders das autonome Nervensystem, das Gefahr und Sicherheit bewertet, ohne dass Dein Wille gefragt wird (Porges 2009).
Deshalb erleben zwei Männer denselben Tag, denselben Stress oder dieselbe Freude so unterschiedlich.
Der eine kann die Spannung halten, sie verarbeiten, vielleicht sogar in Energie für den nächsten Schritt verwandeln.
Der andere muss sie loswerden, sofort, und landet vor dem Bildschirm.
Der Unterschied liegt nicht im Charakter, sondern darin, wie ihr Nervensystem in der Kindheit trainiert wurde.
Und genau darin liegt die gute Nachricht dieses Artikels.
Wenn die Ursache im Nervensystem liegt, dann liegt dort auch die Lösung.
Denn ein Nervensystem ist kein fertig verlegtes Kabel, dessen Dicke für immer feststeht.
Es ist ein lebendiges System, das sich verändern kann.
Ähnlich wie ein Muskel, der wächst und dicker wird, wenn nach den Trainingsgesetzen dosiert Spannung auf ihn einwirkt.
Was Thomas als Kind nicht lernen konnte, kann er heute nachholen.
Wie das konkret geht, wie Du Dein Stresstoleranzfenster für jedes einzelne Gefühl erweitern kannst, das Rückfälle auslöst
… und warum der Rückfall sich so gut anfühlt, obwohl er Dich nicht weiterbringt, erfährst Du im zweiten Teil dieser Serie.
Hier findest Du den Artikel zur Frage, wie Du Porno-Rückfälle stoppst und Dein Nervensystem trainierst.
Dort erfährst Du auch, wie Thomas’ Abende durch sein Training heute aussehen.
Wenn Du vorher für Dich klären möchtest, wie stark Dein eigener Konsum schon ausgeprägt ist, kannst Du den anonymen Pornosucht-Selbsttest von FreiVonX machen, er dauert etwa drei Minuten.
Häufige Fragen
Warum habe ich einen Porno-Rückfall, obwohl es mir gerade gut geht?
Ein Rückfall in guten Momenten entsteht oft, weil auch Freude Spannung im Nervensystem erzeugt und manche Männer nie gelernt haben, diese Spannung gemeinsam mit anderen zu halten.
Wenn Freude in Deiner Kindheit zu viel war oder niemand da war, mit dem Du sie teilen konntest, fühlt sie sich heute vielleicht unsicher an.
Pornografie senkt diese Spannung dann schnell und allein.
Warum schaue ich Pornos als Belohnung nach einem Erfolg?
Der Gedanke “jetzt habe ich mir das verdient” ist oft die Oberfläche eines tieferen Musters, bei dem Pornos zum schnellsten Weg geworden sind, den eigenen Gefühlszustand zu verändern.
Die Studie von Laier und Brand zeigt, dass Pornokonsum die Stimmung kurzfristig verändert und genau dadurch verstärkend wirkt.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob Du die Belohnung verdient hast, sondern mit wem Du Deinen Erfolg eigentlich teilen möchtest.
Was hat meine Kindheit mit meiner Pornosucht zu tun?
In der Kindheit lernt Dein Nervensystem, welche Gefühle mit Annahme und welche mit Ablehnung verbunden sind, und für die abgelehnten Gefühle bleibt das Stresstoleranzfenster oft klein.
Diese Gefühle werden als Erwachsener leicht zu Rückfalltreibern.
Das heißt nicht, dass Deine Eltern schuld sind, sondern dass Du heute nachholen kannst, was damals nicht geübt wurde.
Was ist das Stresstoleranzfenster?
Das Stresstoleranzfenster ist der Bereich innerer Erregung, in dem Du ein Gefühl noch halten und bewusst damit umgehen kannst, ohne überflutet zu werden oder abzuschalten.
Der Begriff geht auf den Psychiater Daniel Siegel zurück.
Jedes Gefühl hat sein eigenes Fenster, deshalb kannst Du mit Trauer vielleicht gut umgehen und mit Freude oder Wut kaum.
Was bedeutet die Leere, die ich vor einem Rückfall spüre?
Die Leere ist oft kein Fehlen von Gefühl, sondern ein unterdrücktes Gefühl, das keinen Ausweg findet.
Gefühle, die Du als Kind wegdrücken musstest, verschwinden nicht, sie wandern ins Unterbewusstsein und melden sich als diffuse Unruhe oder Leere.
Pornografie überdeckt diese Leere kurz, füllt sie aber nicht.
Kann ich eine Pornosucht mit Willenskraft überwinden?
Willenskraft allein reicht meistens nicht, weil die Ursache im Nervensystem liegt und der bewusste Wille keinen direkten Zugriff darauf hat.
Dein Verstand weiß oft genau, dass Pornos Dir schaden, und trotzdem setzt sich im entscheidenden Moment das Nervensystem durch.
Hilfreicher ist es, das Nervensystem so zu trainieren, dass es mehr Spannung halten kann, darum geht es im zweiten Teil dieser Serie.
Ist Pornosucht eine anerkannte Diagnose?
Die Weltgesundheitsorganisation führt seit der ICD-11 die zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung als eigene Diagnose, eingeordnet bei den Impulskontrollstörungen (Kraus et al. 2018).
Eine eigene Diagnose “Pornosucht” gibt es nicht, problematischer Pornokonsum kann aber unter diese Diagnose fallen.
Wo gibt es weiterführende Infos?
Hier findest Du das Thema nochmal als Video:
Mehr Infos zu Pornosucht-Behandlung auf unserer Webseite: www.freivonx.de
Wissenschaftliche Quellen
- Siegel, D. J. (1999). The Developing Mind: Toward a Neurobiology of Interpersonal Experience. New York: Guilford Press.
-
Laier, C., & Brand, M. (2017). Mood changes after watching pornography on the Internet are linked to tendencies towards Internet-pornography-viewing disorder. Addictive Behaviors Reports, 5, 9 bis 13.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29450222/ -
Butler, M. H., Pereyra, S. A., Draper, T. W., Leonhardt, N. D., & Skinner, K. B. (2018). Pornography Use and Loneliness: A Bidirectional Recursive Model and Pilot Investigation. Journal of Sex & Marital Therapy, 44(2), 127 bis 137.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28448246/ -
Chatzittofis, A., Arver, S., Öberg, K., Hallberg, J., Nordström, P., & Jokinen, J. (2016). HPA axis dysregulation in men with hypersexual disorder. Psychoneuroendocrinology, 63, 247 bis 253.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26519779/ -
Porges, S. W. (2009). The polyvagal theory: New insights into adaptive reactions of the autonomic nervous system. Cleveland Clinic Journal of Medicine, 76(Suppl 2), S86 bis S90.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19376991/ -
Kraus, S. W., Krueger, R. B., Briken, P., First, M. B., Stein, D. J., Kaplan, M. S., Voon, V., Abdo, C. H. N., Grant, J. E., Atalla, E., & Reed, G. M. (2018). Compulsive sexual behaviour disorder in the ICD-11. World Psychiatry, 17(1), 109 bis 110.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29352554/
Über den Autor
Florian Günther ist Mitgründer von FreiVonX. Als ehemals selbst Betroffener begleitet er gemeinsam mit dem FreiVonX-Team Männer auf einem wissenschaftlich fundierten und zugleich zutiefst menschlichen Weg aus der Pornosucht. Mehr unter freivonx.de.
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